Liebe und Sexualität ab 60: Körper, Gespräche und Hilfe
Zum Einstieg: Veränderungen der Sexualität im Alter sind normal und meist gut behandelbar. Neue Beschwerden wie Erektionsprobleme, Schmerzen beim Sex oder Blutungen nach den Wechseljahren gehören aber ärztlich abgeklärt, bevor man zu Medikamenten greift.
RX
Mit 60 ist das Liebesleben nicht vorbei. Viele Menschen erleben Nähe und Sexualität in diesem Alter entspannter als früher: Die Kinder sind aus dem Haus, der Berufsdruck lässt nach, man kennt sich und den eigenen Körper besser. Gleichzeitig verändert sich der Körper, und manches funktioniert nicht mehr so selbstverständlich. Dieser Ratgeber erklärt, was typisch ist, was Paare selbst tun können und wann ein Arztbesuch sinnvoll ist.
Was sich bei Männern verändert
Bei Männern sinkt der Testosteronspiegel ab dem mittleren Alter langsam. Erektionen brauchen mehr direkte Berührung, kommen langsamer, sind manchmal weniger fest, und nach dem Orgasmus dauert es länger, bis wieder eine Erektion möglich ist. Das ist für sich genommen keine Krankheit.
Erektionsstörungen werden mit dem Alter häufiger, haben aber fast immer greifbare Ursachen: verengte Blutgefäße, Diabetes, Bluthochdruck, Rauchen, Übergewicht oder Nebenwirkungen von Medikamenten, etwa mancher Blutdrucksenker, Antidepressiva oder Mittel gegen Prostatabeschwerden. Weil die kleinen Gefäße im Penis früher reagieren als die Herzkranzgefäße, kann eine neue Erektionsstörung ein frühes Warnzeichen für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung sein. Das ist ein guter Grund für einen Check beim Hausarzt.
Was sich bei Frauen verändert
Nach den Wechseljahren bildet der Körper weniger Östrogen. Die Scheidenschleimhaut wird dünner und trockener, Sex kann brennen oder schmerzen, und Infektionen der Harnwege treten leichter auf. Ärzte sprechen vom urogenitalen Menopausesyndrom. Auch die Lust kann sich verändern, mal weniger, mal anders.
Gegen Trockenheit helfen Gleitmittel auf Wasser- oder Silikonbasis und Feuchtigkeitsgele für die Scheide, die es in Apotheken und Drogerien gibt. Wenn das nicht reicht, kann die Frauenärztin eine örtliche Östrogenbehandlung als Creme, Zäpfchen oder Ring verordnen. Diese Präparate sind verschreibungspflichtig und wirken überwiegend in der Scheide selbst.
Wichtig: Potenzmittel wie Sildenafil sind für Frauen nicht zugelassen und haben in Studien keinen überzeugenden Nutzen gezeigt.
Fünf verbreitete Irrtümer
- „Im Alter will man das nicht mehr.“ Wünsche nach Nähe und Sexualität bleiben bei vielen Menschen bis ins hohe Alter bestehen. Wie oft und in welcher Form, ist sehr individuell.
- „Sex heißt Geschlechtsverkehr.“ Zärtlichkeit, Massage, gemeinsames Duschen oder Petting sind vollwertige Sexualität und für viele Paare im Alter sogar wichtiger.
- „Erektionsprobleme muss man hinnehmen.“ Die meisten lassen sich behandeln, oft schon durch die Behandlung der Grunderkrankung oder einen Medikamentenwechsel.
- „Nach einem Herzinfarkt ist Sex tabu.“ Bei stabilem Zustand ist Sex meist wieder möglich. Fragen Sie Ihren Kardiologen, ab wann und in welchem Umfang.
- „Verhütung und Kondome sind kein Thema mehr.“ Schwanger werden kann eine Frau nach der Menopause nicht mehr, sexuell übertragbare Infektionen gibt es aber in jedem Alter. Bei neuen Partnern bleibt das Kondom sinnvoll.
Reden hilft mehr als jede Tablette
Viele Paare haben nie gelernt, über Sex zu sprechen. Im Alter wird das wichtiger, weil sich Bedürfnisse verschieben. Einige Anregungen:
- Wählen Sie einen ruhigen Moment außerhalb des Schlafzimmers.
- Sprechen Sie in der Ich-Form: „Ich vermisse unsere Nähe“ statt „Du willst ja nie“.
- Fragen Sie nach, was dem anderen gut tut. Vorlieben ändern sich.
- Nehmen Sie den Leistungsdruck heraus. Nicht jede Begegnung muss mit Geschlechtsverkehr oder Orgasmus enden.
- Wenn Gespräche schwierig bleiben, kann eine Paar- oder Sexualberatung helfen, etwa bei pro familia oder kirchlichen Beratungsstellen.
Praktische Tipps für den Alltag
- Planen Sie Zeit für Zweisamkeit, zum Beispiel morgens, wenn viele ausgeruhter sind.
- Bewegung verbessert die Durchblutung, auch im Becken. Schon regelmäßige Spaziergänge, Radfahren oder Schwimmen helfen.
- Beckenbodentraining kann bei Männern die Erektion und bei Frauen das Empfinden verbessern.
- Weniger Alkohol und nicht rauchen wirken sich direkt auf die Gefäße aus.
- Bei Gelenkschmerzen oder nach Operationen helfen bequeme Positionen, Kissen und ein warmes Zimmer.
- Nehmen Sie Gleitmittel selbstverständlich in den Alltag auf. Das ist kein Zeichen von Versagen.
Wer ist der richtige Ansprechpartner?
Kreuzen Sie an, was auf Sie zutrifft. Sie erhalten einen Hinweis, mit wem Sie zuerst sprechen könnten. Das ersetzt keine Diagnose.
Potenzmittel nach 60: was zu beachten ist
PDE-5-Hemmer wie Sildenafil oder Tadalafil helfen auch älteren Männern oft gut. Sie sind in Deutschland verschreibungspflichtig, und das hat gerade im Alter einen guten Grund: Der Arzt muss prüfen, ob Herz und Kreislauf die Belastung vertragen und ob sich das Mittel mit anderen Medikamenten verträgt.
- Niemals zusammen mit Nitraten (Nitrospray, Nitropflaster) oder Riociguat.
- Vorsicht bei Alphablockern gegen Prostatabeschwerden oder Bluthochdruck: Der Blutdruck kann stärker sinken. Der Arzt beginnt meist mit einer niedrigen Dosis.
- Bei Männern über 65 wird Sildenafil langsamer abgebaut. Die Fachinformation nennt für bestimmte Gruppen 25 mg als Anfangsdosis.
Einen Überblick über die Wirkstoffe finden Sie auf den Seiten Viagra Generika (Sildenafil), Cialis Generika (Tadalafil) und Levitra Generika (Vardenafil) sowie im Beitrag Sexualität nach 60: Gesundheit und Medikamente.
Wann zum Arzt?
- Erektionsprobleme, die neu auftreten oder über Wochen anhalten
- Schmerzen beim Sex oder Blutungen aus der Scheide nach den Wechseljahren
- Brustschmerz oder Atemnot bei körperlicher Belastung, auch beim Sex
- Anhaltende Lustlosigkeit mit Niedergeschlagenheit oder Schlafstörungen
Bei Brustschmerz, Atemnot oder Bewusstlosigkeit während oder nach dem Sex: sofort 112. Bei Beschwerden außerhalb der Sprechzeiten: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117.
Häufige Fragen
Ist es normal, mit 60 weniger Lust zu haben?
Ja, die Lust kann sich verändern. Wenn sie plötzlich verschwindet oder Sie darunter leiden, lohnt sich ein Gespräch mit dem Hausarzt, denn Medikamente, Hormone oder eine Depression können dahinterstecken.
Ab welchem Alter hören Erektionen auf?
Es gibt keine feste Grenze. Viele Männer haben bis ins hohe Alter Erektionen, sie brauchen nur mehr Stimulation.
Darf ich mit Herzproblemen Sex haben?
Bei stabiler Erkrankung meistens ja. Klären Sie mit Ihrem Kardiologen, was für Sie gilt, besonders wenn Sie ein Potenzmittel nehmen möchten.
Was hilft gegen Scheidentrockenheit?
Gleitmittel und Feuchtigkeitsgele aus Apotheke oder Drogerie, bei stärkeren Beschwerden eine örtliche Östrogenbehandlung auf Rezept der Frauenärztin.
Zahlt die Krankenkasse Potenzmittel?
Nein. Mittel gegen Erektionsstörungen sind von der Erstattung ausgeschlossen, die Untersuchung beim Arzt übernimmt die Kasse aber.
Brauchen wir noch Kondome?
Zur Verhütung nach der Menopause nicht, zum Schutz vor Infektionen mit neuen Partnern schon.
Quellen: gesund.bund.de, Deutsche Gesellschaft für Urologie, AWMF-Leitlinien zur erektilen Dysfunktion und zur Peri- und Postmenopause, Fachinformationen Sildenafil und Tadalafil, pro familia. Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. RX